Die EZB hat die Zinssätze angehoben. Was bedeutet das für Sie?

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Zinssätze erstmals seit 11 Jahren angehoben. Zudem sind weitere Anhebungen in den kommenden Monaten wahrscheinlich.

Warum hat die EZB die Zinssätze angehoben?

Als Zentralbank für den Euro hat die EZB die Aufgabe, die Preisstabilität zu gewährleisten.  Wenn die Preise in unserer Wirtschaft zu schnell steigen, also bei zu hoher Inflation, hilft eine Anhebung der Zinssätze dabei, die Inflation wieder auf das Ziel von 2 % zurückzuführen.

Die Inflation belastet die Menschen. Viele machen sich Sorgen, dass sie dauerhaft bestehen bleibt. Die EZB behaltet diese sogenannten Inflationserwartungen im Blick. Sie hat die Zinssätze angehoben, um deutlich zu machen, dass sie nicht zulassen wird, dass die Inflation auf Dauer über 2 % verharrt. Dies wird dazu beitragen, die Inflationserwartungen im Zaum zu halten.

Was führt dazu, dass sich Zinssätze verändern?

Die Zinssätze, die Banken Privatpersonen und Unternehmen anbieten, entwickeln sich in der Regel parallel zu den von der EZB festgelegten Zinssätzen. Sie werden aber auch von anderen Faktoren beeinflusst. In einer freien Marktwirtschaft wie dem Euroraum werden sie auch von der Kreditnachfrage und vom Kreditangebot bestimmt. Also davon, wie viel Unternehmen und Privatpersonen ausgeben und investieren wollen und welches Kreditvolumen zur Verfügung steht.

Welche Rolle spielt die EZB?

Die EZB ist die Zentralbank für den Euro. Sie legt nicht die Zinssätze fest, die Sie für Ihren Kredit zahlen oder für Ihre Einlagen erhalten. Sie beeinflusst sie aber.

Die EZB legt die sogenannten Leitzinssätze oder „geldpolitischen“ Zinssätze fest. Dabei handelt es sich sowohl um die Zinssätze, die die EZB Banken anbietet, die sich Geld bei ihr leihen wollen, als auch um die Zinsen für das elektronische Geld, das sie über Nacht bei ihr deponieren.

Wenn die EZB die Leitzinsen ändert, schlägt sich dies mehr oder weniger in der gesamten Volkswirtschaft nieder, etwa bei Bankkrediten, Marktkrediten, Hypotheken, Zinsen für Bankeinlagen und anderen Anlageinstrumenten.

Was ist die Rolle der BNB?

Die Belgische Nationalbank ist die Zentralbank unseres Landes. Seit der Einführung des Euro ist sie zusammen mit der EZB und allen anderen Zentralbanken der Länder, die den Euro eingeführt haben, Teil des Eurosystems. Die EZB wiederum ist die Zentralbank für den Euro, und ihre Aufgabe ist es, die Preise stabil zu halten. Der Gouverneur der BNB gehört zusammen mit seinen Kollegen dem EZB-Rat an, der alle sechs Wochen die Wirtschaftslage im Euro-Währungsgebiet analysiert und über die Leitzinsen entscheidet. So trägt die Belgische Nationalbank zur Festlegung der Geldpolitik bei, einer der Hauptaufgaben einer Zentralbank.

Wie wirken sich die Leitzinsen auf die Inflation aus?

Ist die Inflation zu hoch, da zu wenigen Waren und Dienstleistungen eine zu starke Nachfrage gegenübersteht, kann die EZB in normalen Zeiten die Zinssätze erhöhen, um Kredite zu verteuern. Dies kühlt die Konjunktur ab, beruhigt die Inflationserwartungen und lässt die Inflation sinken.

Ist die Inflation zu niedrig, was lange Zeit der Fall war, kann  sie die Zinsen senken und Kredite verbilligen, um Investitionen und die Nachfrage anzukurbeln.

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sehen wir uns einer Situation gegenüber, in der die Inflation zu hoch ist, die Konjunktur sich jedoch abschwächt. Die Preise sind aufgrund des Krieges deutlich gestiegen, vor allem bei Energie und Nahrungsmitteln. Für viele Unternehmen ist es zudem schwieriger, die Materialien und Ersatzteile zu beschaffen und die Arbeitnehmer zu finden, die sie für ihre Produktion benötigen. Dadurch verschärfen sich die bereits bestehenden pandemiebedingten Probleme.

Eine Zinserhöhung allein wird all diese Probleme nicht lösen. Höhere Zinssätze werden nicht zu einer Verbilligung von Energieimporten führen, leere Regale in den Supermärkten füllen oder Halbleiterlieferungen für Automobilhersteller bewirken.

Höhere Zinssätze halten Inflationserwartungen in Schach

Höhere Zinsen sorgen jedoch dafür, dass die Inflationserwartungen unter Kontrolle bleiben. Wenn Privatpersonen und Unternehmen von einer dauerhaft hohen Inflation ausgehen, werden die Arbeitnehmer wahrscheinlich höhere Löhne fordern und die Arbeitgeber wiederum ihre Preise erhöhen. Diese Entwicklung wird häufig als Lohn-Preis-Spirale bezeichnet. Um einer solchen Spirale entgegenzuwirken, wird die EZB die Zinssätze weiter anheben. Dadurch verteuern sich Kredite und Spareinlagen verzinsen sich besser. Sie wird dafür sorgen, dass Unternehmen, Arbeitnehmer und Anleger darauf vertrauen können, dass die Inflation mittelfristig auf 2 % zurückgehen wird. Die EZB wird nicht zulassen, dass sich die Erwartungen hinsichtlich einer höheren Inflation verfestigen.